Die Schuld des Postsortierers

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Kommentar von Dieter A. Graber

Herr T. hat sich also einfach davon gemacht, hat sich seinen irdischen Richtern entzogen, so dass nun keine Sühne mehr möglich ist. Ernst T. aus Langenselbold, der als junger Mann – als sehr junger Mann – im furchtbaren Lager Auschwitz seinen Dienst versah, starb wenige Tage vor Prozessbeginn 93-jährig an akutem Herzversagen. Aber wäre er nach sechsundzwanzig oder mehr Verhandlungstagen tatsächlich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden – hätte dies mehr sein können als eine symbolische, überdies viel zu späte juristische Nachbetrachtung?  

Deutschland hat sich schwer getan mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Dafür gibt es Gründe. Dem Dritten Reich schloss sich nahtlos der Kalte Krieg an mit neuen Freund-Feind-Konstellationen, neuen politischen Zielen. Nach ein paar spektakulären Kriegsverbrecherprozessen erlahmte das Interesse an der Strafverfolgung spürbar. Dazu kam: Ein großer Teil der NS-Richterschaft konnte seine Karriere bruchlos fortsetzen, und selbst die USA legten mehr Wert darauf, vom Wissen der Nazi-Eliten zu profitieren, als sie vor Gericht zu bringen. Kollaboration der Regierung mit den Verfolgern nannte das die New York Times. Leute wie der Raketen-Ingenieur Arthur Rudolph (Chef des KZ Mittelbau-Dora) oder der Deportations-Organisator Otto von Bolschwing (ein enger Mitarbeiter Eichmanns) fanden in den USA bereitwillig Aufnahme. Und der Verwaltungsjurist Hans Globke, Miturheber der Rassegesetze, durfte Adenauer  zehn Jahre lang als Chef des Bundeskanzleramtes dienen.

Ernst T. war Bauer, Maurer und Industriearbeiter. Wie es heißt, sprach er zeit seines Lebens nicht über Auschwitz. Auch nicht zu seiner Familie. Ein unauffälliges Dasein führte er, zuletzt allein in seinem Haus, vielleicht tagtäglich belastet von einer schweren Schuld, die er in jungen Jahren auf sich geladen hatte als Sortierer in der Poststelle des Vernichtungslagers. Vielleicht hat er gebüßt, auf seine Weise. Schließlich kann auch eine Lebensleistung zur Wiedergutmachung von Schuld beitragen. Es wäre Aufgabe des Gerichts gewesen,  dies zu beurteilen. Von daher ist es zu bedauern, dass der Prozess nun nicht mehr stattfinden kann.

1969 entschied der Bundesgerichtshof, niemand dürfe allein dafür verurteilt werden, dass er in Auschwitz Dienst getan habe. Doch als es das Landgericht München vor fünf Jahren im Fall des KZ-Mitarbeiters Demjanjuk als ausreichend ansah, dass jemand „Teil des Räderwerks einer Tötungsmaschinerie“ war, gerieten auch „kleine“ Leute wie Ernst T. ins Fadenkreuz der sogenannten „Nazi-Jäger“. Dieses Urteil markiert den Wendepunkt einer juristischen Sichtweise – aber wird es der Wirklichkeit gerecht?

Auch über 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes dürfen wir Unrecht nicht mit der Begründung „Zu lange her!“ hinnehmen. Aber wir müssen Vernunft und Augenmaß walten lassen. Keine Emotion. Strafe „rechtfertigt sich … als die Botschaft, dass wir alle den Bruch einer Norm im Verbrechen nicht hinnehmen, dass wir auf der verletzten Norm bestehen, indem wir den Rechtsbruch öffentlich beantworten“, formulierte es der brillante Strafrechtswissenschaftler Winfried Hassemer. Er schrieb auch:  „Eine maßlose Vergeltung ist keine Vergeltung, sie ist Rache.“ Denn Strafe habe immer auch einen präventiven Charakter; sie solle die Welt besser machen.

Würde die Welt besser geworden sein, wenn  Ernst T. verurteilt worden wäre?

Ich finde: nein. Die Aburteilung eines alten Mannes hätte bestenfalls einen lange zurückliegenden Rechtsbruch zu heilen vermocht. Aber wie billig, ja geschmacklos wäre das gewesen: In den 50-er Jahren Schlussstrich-Politik und jetzt späte Sühne. Dabei entzieht sich das Verbrechen allein schon durch seine Ausmaße den Paragraphen des Strafgesetzbuches, und zwar mit jedem Jahr mehr, das seither vergangen ist! Bestenfalls wären uns in diesem Verfahren ein paar Einblicke ermöglicht worden in die Verhältnisse, die einen jungen Menschen zum Mittäter machten, vorausgesetzt, die Frage wäre beantwortet, ja überhaupt nur gestellt worden, was der seinerzeit 18-jährige Angeklagte denn hätte tun können, um seinem Schicksal zu entgehen, Teil einer Tötungsmaschine zu werden. Aber das wäre ja keine juristische, es wäre eine historische gewesen. Bisweilen obliegt es nicht den Rechtskundigen, über Schuld oder Unschuld zu urteilen.

Nebenbei bemerkt: Der zweite deutsche Unrechtsstaat beschäftigte zuletzt 189.000 Spitzel. Sie waren nicht Teil einer Tötungsmaschinerie, das nicht, aber sie brachten Menschen ins Gefängnis, vernichteten wirtschaftliche Existenzen, Familien, Freundschaften, Vertrauen, aus Eigennutz, Wichtigtuerei oder aus dem Bedürfnis, über andere Macht auszuüben, eifrig und ohne moralische Bedenken. Die meisten von ihnen sind sechsundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall wieder angesehene Bürger.

Tja, so ist das: Verrat verjährt. Jedenfalls juristisch.